Kurzmeinung: Ein unterhaltsamer Roman über sexy Flugzeuge, aber gleichzeitig auch über Einsamkeit, das Anders-Sein und dem Wunsch, verstanden zu werden.
Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das mich so sehr überrascht hat wie dieses hier. Denn was kann ein Roman mit dem Titel „Sky Daddy“ und einer Protagonistin mit einem ausgeprägten sexuellen Interesse an Flugzeugen schon sein, außer ein richtig witziges, bizarres Feuerwerk absichtlich schlechter und cringey Erotik? Genau darauf hatte ich Lust, als ich dieses Buch in die Hand genommen habe. Aber oh boy lag ich falsch!
Die Geschichte ist aus der Perspektive von Linda erzählt: Sie ist Anfang dreißig, wohnt in San Francisco in einer fensterlosen Garage und moderiert hauptberuflich Kommentarspalten für ein großes Unternehmen. Ihre größte Leidenschaft sind Flugzeuge, und ihr großes Lebensziel ist es, einmal mit einem Flugzeug verheiratet zu werden – also in einem Flugzeugabsturz zu sterben …
Die Flugzeug-Sache ist sehr kreativ und interessant, hat sich allerdings schnell abgenutzt, und ich hatte schon überlegt, ob ich das Buch abbrechen sollte (Wo bleibt der versprochene freaky Plane Porn??), aber ich war neugierig, wie sich diese Prämisse auf knapp 300 Seiten strecken sollte. Und dann lief es in eine ganz andere Richtung: Denn nach und nach wurde mir klar, dass es hier gar nicht wirklich um Flugzeuge geht, sondern dass Lindas Obsession vor allem eine Metapher für das Anders-Sein ist. Es geht um Einsamkeit, um unkonventionelle Lebensziele und ein ausgeprägtes Interesse, das so gar nicht in die Norm unserer Gesellschaft passt. Um eine Seite von sich selbst, von der man weiß, dass niemand sie verstehen würde und die man deshalb vor anderen verbirgt, aus Angst, noch stärker ausgeschlossen zu werden oder sich selbst als absoluter Weirdo-Freak zu enttarnen.
Lindas Sehnsucht nach der finalen Vereinigung mit einem Flugzeug ist jedoch so groß, dass sie sich aus ihrer Komfortzone wagt und einer Einladung ihrer Arbeitskollegin Karina zu einem Manifestations-Abend mit ihren Freundinnen folgt: Einmal im Quartal treffen sich die Frauen, um anhand selbstgebastelter Vision Boards ihre Ziele für die kommenden Monate zu manifestieren. Damit sind natürlich solche konventionellen Dinge wie Heirat, beruflicher Erfolg oder Babys gemeint, doch Linda erntet auch mit ihrem Vision Board voller Flugzeuge Sympathien, und die Frauen gehen davon aus, dass sie einfach viel reisen will. So wird sie Teil einer Gruppe von Freundinnen, in denen sich ausgerechnet Karina als Außenseiterin fühlt, denn alle außer ihr sind sehr wohlhabend und erfolgreich.
Auch Lindas Chef Dave, dem sie im Laufe des Buches immer wieder näher kommt, leidet unter seiner Einsamkeit und sucht bei ihr Trost. Sowohl bei Dave als auch bei Karina habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie selbst so sehr Außenseiter*innen sind, dass sie Linda verstehen könnten, und habe mir oft insgeheim gewünscht, dass sie Lindas Leidenschaft teilen. Doch die Dynamiken zwischen ihnen schwanken immer wieder, und die beiden scheinen ihre eigenen Motive zu haben, warum sie Lindas Nähe suchen. Das fand ich sehr interessant und definitiv komplexer, als ich es von einem Buch mit dieser Aufmachung erwartet hätte.
Auch Lindas Lebensumstände, die für sie selbst im Angesicht ihrer wahren Bestimmung immer wieder in den Hintergrund rücken, werden im Laufe der Geschichte interessanter und sind teilweise ein satirischer Kommentar auf die spätkapitalistische Lebensrealität junger Menschen in amerikanischen Großstädten: Sie wohnt zwar in einem winzigen fensterlosen Zimmer in einer Garage einer wohlhabenden Familie, die sie eigentlich gar nicht dort haben will und sie wiederholt bittet, sich unauffällig zu verhalten. Aber hey, sie hat ein eigenes Bad und die Miete kostet nur 900 Dollar! Beruflich moderiert sie Hasskommentare unter Videos, in dem vollen Bewusstsein, dass sie damit eine KI trainiert, die sie bald ersetzen wird. Aber dafür darf sie jeden Tag neun Minuten lang Pause in einem Wellness-Raum mit einem platten Yoga-Ball machen!
Was ich sehr erfrischend fand: Das Buch beansprucht für sich nicht, queere Repräsentation zu sein, wie es manchmal bei Geschichten getan wird, deren Love Interests in irgendeiner Form nicht-menschlich sind. Im Gegenteil besteht Linda sogar darauf, heterosexuell zu sein, weil alle Flugzeuge im Geiste männlich seien.
Am Ende habe ich mich auf merkwürdige Weise gesehen gefühlt, denn ich teile zwar Lindas Flugzeug-Obsession nicht, aber ich habe wie sie kein Interesse an romantischen/sexuellen Partnerschaften mit anderen Menschen, und auch nicht an den meisten üblichen Meilensteinen, die man so im Leben erwartet. Das ist so selten, und einfach wunderschön.
5/5 Fine Gentlemen in the Sky
