June Is (Hg.): Schw̶einwerfer in der M̶Nacht

Ein Buch mit dem Titel „Schweinwerfer in der Macht“, wobei die Worte durch Durchstreichungen so korrigiert sind, dass er auch als „Scheinwerfer in der Nacht“ gelesen werden kann. Auf dem Cover ist die Silhouette einer Großstadt zu sehen, über der sich Wolken in Regenbogenfarben türmen. Aus diesen Wolken springt ein zufrieden schauendes Schwein mit Cape. Oben steht: „Herausgegeben von June Is“. Unten steht der Titel und der Untertitel „Kleine Fehler verändern Welten“. Darunter das Logo des Ohne-Ohren-Verlags.

Kurzmeinung: Eine bunte Mischung unterschiedlichster und meistens witziger Kurzgeschichten über Tippfehler, die alles verändern.


Es fühlt sich immer ein bisschen merkwürdig an, eine Anthologie zu rezensieren, in der auch eine Geschichte von mir enthalten ist. Aber die Geschichten sind so außergewöhnlich, witzig und kreativ, dass ich nicht nicht drüber sprechen kann 😁

Wie der Untertitel schon sagt, geht es um kleine Fehler, die Welten verändern – in diesem Falle sind es Tippfehler. 15 Autor*innen haben sich verschiedene herausgesucht und erzählen auf ganz unterschiedliche Weise davon, wie ein einzelner falscher Buchstabe in ein herrliches Chaos führen kann:

Den Anfang macht „Das defekte Urwerk“ von Sina Lienemann und erzählt von einer Uhrmacherin, die zu einem ungewöhnlichen Reparatur-Auftrag gerufen wird. Ich mag die Kreativität hinter der Maschine, die sie sich ansehen soll, und das Ende ist ein richtig schöner Full Circle Moment.

Ich liebe Bürokratie-Humor, deshalb war „Erro ergo sum – Willkommen in der Stadtverwalzung“ von Thomas Heidemann genau das richtige für mich! Als der Protagonist der hauseigenen KI erzählt, dass Fehler sie menschlicher wirken lassen würden, folgt sie der Empfehlung – und aus einem zunächst witzigen kleinen Tippfehler erwächst ein brutales Chaos für die ganze Stadt. Herrlich!

In „Angriff der Clownkrieger“ von T. S. Orgel bestellt eine Generalin für ihr Heer versehentlich Clownkrieger statt Klonkrieger. Das ist eine witzige Idee, leider besteht die Geschichte eigentlich nur aus dieser Punchline und das Drumherum wirkt ein bisschen künstlich aufgebläht.

„Die Kunst des Feuerspukens“ von Kiàn KoWananga ist ein kreatives kleines Fantasy-Abenteuer mit einem Twist am Ende. Sehr wholesome!

„L’arte di vivere – Die Kuhnst des Lebens“ von Frederik Elting ist eine Fabel über einen Kuhhirten, auf dessen Weide eines Tages ein mysteriöser Schrank erscheint, der aus der Milch seiner Kuh die feinsten Leckereien zaubern kann. Das finde ich eine spannende Idee! Leider bin ich kein Fabel-Fan und kann mit dem moralisierenden Ende deshalb auch wenig anfangen. Und entweder stehe ich völlig auf dem Schlauch, oder es kommt in der Geschichte (außer im Titel) überhaupt kein Tippfehler vor.

In „Die Feenstaubfilter-Bestellung“ von Anke Höhl-Kayser bestellt die Protagonistin bei der Autowerkstatt ihres Vertrauens versehentlich den titelgebenden Feenstaubfilter. Später erzählt sie dem Mechaniker, der in letzter Zeit zu ihrem engsten Vertrauten geworden ist, von ihrer traumatischen Vergangenheit, und am Ende passiert etwas Magisches. Leider ist die Geschichte für meinen Geschmack zu kitschig, und die Protagonistin wirkt trotz ihres hohen Alters ziemlich naiv.

„Teleskopf“ von Lorenzo Maxwell ist so unkonventionell, dass ich zweimal ansetzen musste, um in den Text reinzukommen. Es geht um ein Wesen, das einen Baumtransporter durch die Galaxie bringt, wobei allerlei Chaos ausbricht. Ein bisschen surreal, ein bisschen Dada, hat was!

Komplett in Form von Rezensionen geschrieben ist „Bewertungen zum Café Louise“ von Carolin Lüders – solche Formate finde ich generell sehr cool! Und hier ist es auch super umgesetzt: Die Besucher*innen berichten von einem seltsamen Früchtetee, der ihnen merkwürdige Träume beschert. Den queeren Twist am Ende mochte ich sehr, und die Enthüllung des Tippfehlers am Ende rundet die Geschichte sehr gut ab. Mein liebster Text in dieser Anthologie!

„Pech und Schwafel“ von Paul Liedvogel ist zur Abwechslung mal ein ernster Text: Es geht um einen siebenjährigen Jungen, der sich mit seiner Familie auf der Flucht befindet. Das ist sprachlich wunderschön geschrieben, die Begegnung mit den titelgebenden Wesen finde ich auch sehr gelungen, und das Ende ist wunderbar bittersüß.

„Schutzengel“ von Ivan Ertlov ist eine klischeebeladene düstere Mafia-Geschichte mit einem typischen Macho-Detektiv, in der der absurde Tippfehler umso mehr Spaß macht.

„Geschichten aus Groß Pistazien – Die Schraubritter“ von Michael Feldhofer erzählt von einer im Wald liegen gebliebenen Kutsche, die von den titelgebenden Schraubrittern gerettet wird. Witzig! Ich mag hier auch die kleinen Worldbuilding-Details.

„Wohnwort“ von R. F. Krammer stellt sich nach einem Tippfehler in einem Formular die Frage: Wie ist es wohl, in einem Wort zu wohnen? Das kleine Abenteuer in der Papierwelt darin ist sehr kreativ gestaltet.

„Überleben im Duschgel“ von Susanne Bonn ist ein wirklich witziger Tippfehler, der zu einer ungewöhnlichen Geschichte über einen Menschen wird, der in einem Duschgel-Blob wohnt. Trotz der angedeuteten inneren Abgründe habe ich leider keinen wirklichen Zugang zu den Figuren gefunden, schade.

„Suche Miezhaus!“ von Katharina Kanzan erzählt von einer Frau, die aus ihrem Haus ausziehen muss und verzweifelt eine neue Bleibe für sich und ihre vielen Katzen sucht. Sehr niedlich!

„Ein Gerücht für zwei“ von Charline Winter ist … von mir 😁 Eine magische Geschichte über eine freundliche Waldhexe, die die Wünsche der Waldwesen in letzter Zeit ganz merkwürdig erfüllt …