"Please Unfollow" von Basma Hallak auf einem Kindle E-Reader. Auf dem Cover ist die fotorealistische Zeichnung einer Jugendlichen mit dunklen lockigen Haaren zu sehen, die ausdruckslos nach vorn schaut. Vor ihrem Gesicht sind mehrere durchsichtige Internet-Fenster mit Play-Buttons abgebildet.

Kurzmeinung: Ein beeindruckendes und vielschichtiges Jugendbuch über eine ehemalige Kinder-Influencerin, die einen Weg in ein normales Leben findet.


Nachdem ich Don’t Let The Forest In abgebrochen habe, wollte ich eigentlich keine Jugendbücher mehr lesen, denn ich habe gemerkt, dass ich dafür mittlerweile echt zu alt bin. Aber Please Unfollow hat dann doch wieder mein Interesse geweckt, weil es sich mit einem Thema beschäftigt, das gerade jetzt relevant wird: Kinder aus Influencer-Familien. Wie geht es Menschen, die seit ihrer Geburt regelmäßig von ihren Eltern für Klicks in die Kamera gehalten werden, wenn sie alt genug sind, das Ausmaß dieser Ausbeutung zu begreifen?

Die Geschichte folgt der siebzehnjährigen Sherry, die nach einer zunächst nicht näher benannten Straftat aus dem Jugend-Arrest in ein Rehabilitations-Camp für straffällige Jugendliche geschickt wird. Anfangs möchte sie die Gelegenheit zur Flucht nutzen und irgendwo hingehen, wo niemand sie kennt, doch die anderen Jugendlichen bringen sie zum Bleiben. So schließt sie zum ersten Mal in ihrem Leben echte Freundschaften und lernt, wie es ist, nicht ständig für Kameras posieren zu müssen und Millionen von Follower*innen an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Denn anders kannte sie es zuvor nicht: Seit ihrer Geburt wurde ihre gesamte Existenz von ihren Eltern zu Content verarbeitet.

Parallel zu den Entwicklungen im Camp, wo sie mit viel Unterstützung lernt, ein normales Leben zu führen und ein eigener Mensch zu sein, werden Szenen aus ihrer Kindheit erzählt: Wie ihre Bedürfnisse und ihre Gesundheit für das perfekte Video ignoriert werden, wie ihre Eltern ihre Privatsphäre verletzen und sie in peinlichen Situationen filmen, und wie sie durch ihr Family-Influencer-Dasein von Gleichaltrigen gemobbt und ausgenutzt wird. Unter den Videos sind auch immer Kommentare zu lesen: von begeisterten Fans, aber auch hin und wieder von Kritiker*innen, deren Mahnungen stets ignoriert werden. Und von Menschen, die den Körper des Mädchens auf ekelhafte Weise sexualisieren. Auch vor diesem Aspekt scheut sich das Buch nicht: Es wird thematisiert, wie die Videos von Sherry auf Pädophilen-Websites geteilt und mit ihrem Aussehen KI-Pornos generiert werden. Aber das alles bleibt nicht im Internet; im Laufe ihres Lebens hatte sie auch immer wieder unangenehme Begegnungen mit übergriffigen Fans.

Diese Kindheit und Jugend, in der nichts privat bleiben durfte und jeder Aspekt ihres Daseins ständig ausgestrahlt, kommentiert, kritisiert und sexualisiert wurde, hat ihre Spuren hinterlassen. So kommt es im Camp immer wieder zu Konflikten, weil Sherry Trauma-Reaktionen auf scheinbar ganz normale Situationen zeigt – beispielsweise, als die Jugendlichen mit ihr ein Gruppenfoto machen wollen. Obwohl ihr Verhalten für sie nicht immer nachvollziehbar ist, versuchen sie dennoch, sie zu verstehen und zu unterstützen, und das finde ich einfach sehr wholesome. Auch Sherry an sich ist eine tolle Protagonistin, mit der ich die ganze Zeit mitgefühlt habe, auch wenn mir ihre Lebensrealität völlig fremd ist. Aber sie wird so gut und realitätsnah erzählt, dass ich manchmal richtig Gänsehaut bekommen habe.

Ich finde es auch toll, wie vielschichtig ihr Trauma und ihr Verhältnis zu ihren Eltern erzählt wird: Einerseits erkennt und erlebt sie, dass ihre Kindheit psychische Schäden hinterlassen hat. Andererseits liebt sie ihre Eltern und hadert sehr damit, die Misshandlung als solche anzuerkennen, vor allem im Vergleich zu den Dingen, die die Eltern der anderen Jugendlichen ihnen angetan haben. Denn sie hat ja ein Leben im Luxus geführt, wie könnte sie diese Erfahrung auf die gleiche Stufe stellen?

Was das Ganze noch perfider macht, ist die Tatsache, dass Sherry gar nicht das leibliche Kind ihrer (weißen) Eltern ist, sondern von ihnen aus dem nicht näher benannten Ausland adoptiert wurde. So kommt auch noch eine rassistische Komponente dazu, und es verstärkt das unangenehm Gefühl, dass die Eltern Sherry nie als Menschen gesehen haben, sondern nur als Objekt für ihre Videos, das ihnen hohe Klick-Zahlen garantiert.

Ein richtig starkes und sehr aktuelles Buch, das mich noch eine Weile beschäftigen wird und das ich sicher noch einmal lesen werde!