Kindle E-Reader, auf dem das Cover von "Der Himmel wird zur See" von Sven Haupt zu sehen ist. Darauf abgebildet ist eine Frau in einem Raumanzug ohne Helm, die mit einer Waffe in der Hand durch eine Wüste läuft. Über ihr schwebt ein Wal am Himmel. Ganz oben steht "Der Himmel wird zur See", links daneben das Logo des Eridanus Verlag. Ganz unten steht "Sven Haupt".

Kurzmeinung: Ein actionreicher SciFi-Roman mit einigen tollen Worldbuilding-Elementen, der mir aber zu angestrengt witzig und pseudo-tiefgründig geschrieben ist.


Über diesen Roman hatte ich viel Gutes gehört; den Titel fand ich spannend und das Cover gab mir interessante surreale Vibes, und außerdem stand das Buch auf der Leseliste meines liebsten Buchclubs. Also nichts wie ran!

Statt einer postapokalyptischen Geschichte über die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Maschine habe ich jedoch erst mal was ganz anderes bekommen: Hölzerne Dialoge in einem sarkastischen Ping-Pong-Spiel zwischen der Außenseiterin und Weltraumkapitänin Hannah Riley, die sich ihr Geld mit diversen illegalen Aktivitäten verdient, und ihrem treuen Androiden Andy, den sie immer verstecken muss, weil der Besitz von intelligenten Maschinen mittlerweile verboten ist. Ich mag zynische Figuren sehr gern, aber wenn sie kaum einen ernsten Satz miteinander wechseln können und alles mit einer Lasur von Sarkasmus überziehen müssen, dann nutzt sich das schnell ab und wird nervig. Zumal nicht nur Hannah und Andy so miteinander reden: Hannah reist für einen gefährlichen Auftrag auf die Erde, die vom Krieg zwischen Mensch und Maschine gezeichnet ist, um ein wichtiges Artefakt zu bergen. Dort bricht der Kontakt zu Andy, der im Raumschiff zurückbleibt, ab. Stattdessen begegnet sie der KI Mica, mit der sie sich ähnliche zynische Wortschlachten liefert. So wirken die Figuren leider schon zu Beginn recht austauschbar.

Das ist jedoch nicht bei allen so – viele haben ein ganz großartiges Charakterdesign! Vor allem die verschiedenen Roboter auf der von Menschen verlassenen Erde: Da ist Nono, der eigentlich nur aus einem Rad und einer Kamera besteht und nur seinen eigenen Namen sagen kann; Sally, ein Jeep mit vielfältigen Karriere-Ambitionen; ein tieftrauriger Zombie-Roboter. Es gibt auch Geisterwale, die am Himmel schweben, metallene Raben und einen mächtigen, uralten Menschen, der sich als Vampirin in einer schwebenden Blutkugel inszeniert. All diese surrealen Kuriositäten finde ich richtig toll, und auch die markanten Nebenfiguren habe ich schnell liebgewonnen.

Leider bleibt die Protagonistin Hannah im Gegensatz zu ihnen recht blass. Eigentlich bin ich ein Fan von verschrobenen Einzelgänger-Charakteren, aber ich erfahre so wenig über sie, dass sie wie ein Stand-In für Irgendeine Starke Unabhängige Frau wirkt. Sie ist einer antifeministischen Handmaid’s Tale-ish Dystopie entkommen, davon stark körperlich gezeichnet und vermutlich auch zutiefst traumatisiert – aber das ist nur eine kurze Randnotiz. Es wird ansonsten nichts erzählt über ihren Hintergrund, ihr Aufwachsen oder ihr soziales Umfeld vor ihrem Einzelgänger-Leben. Von ihrer Persönlichkeit her besteht sie nur aus Zynismus, Kaffee-Liebe und ihren Identitäts-Merkmalen.

Und damit sind wir auch schon beim Punkt Diversität. Ich freue mich natürlich, wenn die  Hauptfiguren nicht immer weiße Hetero-Männer sind. Dennoch wirkt die Diversität hier nicht authentisch und direkt in den Figuren angelegt, sondern eher so, als sei nachträglich einmal mit dem Diversity-Streuer drübergegangen worden, weil man das heutzutage eben so macht (oder so). Bezeichnend dafür ist eine Passage relativ weit am Anfang, wo Hannah in eine Polizeikontrolle gerät und Andy zynisch zuflüstert, ob sie wohl gerade kontrolliert wird, weil sie braun ist, eine Frau, oder weil sie als solche kein Kleid trägt. (Yay, drei in einer Reihe Bingo!) Dann gibt es hier mal kurz ein Beschweren über Mansplaining, da mal kurz ein „Weil ich braun bin?!“ als Diskriminierungs-Vorwurf (der sich natürlich als ein Missverständnis erweist und Hannah wie die Karikatur dessen dastehen lässt, was sich gewisse Menschen unter einer ‚überempfindlichen SJW‘ vorstellen … na ja). Ansonsten spielt ihre Hautfarbe nur dann eine Rolle, wenn sie sich mit weißen Figuren vergleicht und sich im Gegensatz zu ihnen hässlich fühlt. Hm.

Eine Sache, die ich in dieser Hinsicht sehr interessant finde, ist das Thema Geschlecht. Die Figuren zeichnen sich da durch eine gewisse Fluidität aus – gleichzeitig legen sie aber immer wieder stereotypes, binäres Geschlechter-Denken an den Tag. Hannah ist beispielsweise eine Frau, die mit dem Konzept von Weiblichkeit nicht so viel anfangen kann und es teilweise auch für sich ablehnt. An einer Stelle sieht sie jedoch einen Roboter am Kochtopf stehen und schimpft darüber, dass auch in der Roboter-Gesellschaft immer noch Frauen am Herd stehen müssen. Wie sie darauf kommt, dass der Roboter weiblich ist? Weil er eine rosa Schleife trägt. (Plot Twist: Es ist ein männlicher Roboter, der … eben eine rosa Schleife trägt.) An einer anderen Stelle äußert sie, dass Frauen ihr zu nervig seien und sie deshalb lieber mit Männern zusammenarbeite. Natürlich müssen Figuren nicht perfekt sein und können auch in ihren Widersprüchen existieren. Hier wirkt das alles nur leider recht oberflächlich und aufgesetzt.

Mein zentraler Kritikpunk ist jedoch, dass ich am Ende gar nicht weiß, was mir das Buch überhaupt sagen möchte. Vor allem im Angesicht der Rezensionen, die von der tiefgründigen Sozialkritik schwärmen, finde ich das ziemlich enttäuschend. Es geht irgendwie um das Verhältnis von Mensch und Maschine/KI, aber in dieser Hinsicht werden so viele Aspekte aufgemacht, die sich teilweise widersprechen und nicht zu Ende gedacht werden, sodass ich etwas ratlos zurückbleibe. In einer Welt, in der Menschen dazu erzogen werden, intelligente Maschinen zu hassen, soll Hannah wohl lernen, diese Maschinen zu akzeptieren, indem sie auf ihrer Reise vielen von ihnen begegnet und ihre geradezu menschlichen Charaktereigenschaften kennen lernt. Das Problem: Hannah hat überhaupt nichts gegen Roboter – ihr treuer Begleiter Andy ist ja selbst einer!

Auch der wahre Grund für den Krieg zwischen Mensch und Maschine, der Hannah an einer Stelle durch Mica enthüllt wird, wirkt auf mich wie zu viel auf einmal gewollt. Es wird eine Ereignis-Kette aufgemacht, die so nicht wirklich schlüssig ist. Außerdem geht es an einer Stelle um ein Thema, das im Moment ziemlich relevant ist, nämlich die Einschränkung und Diskriminierung von Minderheiten unter dem Vorwand des Kinderschutzes. Auch das wird jedoch nur kurz erwähnt und nicht wirklich zu Ende gedacht. Stattdessen ergeht sich Mica in ebenso ausführlichen wie vagen Monologen darüber, dass die Menschheit letztendlich an ihrer Angst vor der KI zugrunde gegangen ist. Hm.

Überhaupt besteht das Herzstück dieses Buches eigentlich nur daraus, dass Mica Hannah durch eine postapokalyptische Welt führt und ihr die Kuriositäten wie eine Reiseleiterin erklärt. Viele davon finde ich, wie bereits erwähnt, sehr cool, aber Hannah verkommt dabei immer mehr zur passiven Zuschauerin, die Mica ahnungslos hinterherstolpert und deren einzige Aufgabe es ist, hin und wieder empörte oder verblüffte oder irritierte Nachfragen zu stellen.

Mica soll wahrscheinlich witzig und weise und cool rüberkommen oder so, aber auf mich wirkt sie vor allem herablassend und übergriffig: Sie erklärt Hannah die ganze Zeit von ihrem metaphorischen hohen Ross die Welt, nennt sie ständig abfällig „Schatz“, grabscht ihr auch mal an den Hintern oder hackt sich in ihre Träume, um dort zu versuchen, sie gegen ihren Willen zu küssen. Damit konfrontiert erwidert sie nur flapsig, dass ihr eben kein Schamgefühl einprogrammiert wurde. Als Hannah und Mica jedoch später im Begriff sind, einvernehmlichen Sex zu haben, meint Mica dann doch, dass ihre Programmierung Hannahs verbale Zustimmung verlangt, und außerdem eine Bestätigung ihrer ellenlangen Nutzungsbedingungen. An der Stelle bin ich mir nicht sicher, ob das ein ehrlicher Versuch sein soll, Consent im Rahmen dieser speziellen Geschichte darzustellen, oder ob es einfach ein Altherrenwitz ist in Richtung ‚Hurr hurr hurr, muss man jetzt vor dem Sex einen seitenlangen Vertrag unterschreiben?‘

Generell lässt mich die Beziehung zwischen Hannah und Mica am Ende ziemlich kalt, denn da ist die ganze Zeit über keine Spannung, keine Anziehung, keine Chemie. Es erinnert mich an Hetero-Romanzen, die nach dem Motto „Er ist ein Mann, sie ist eine Frau, natürlich kommen sie am Ende zusammen“ funktionieren. Nur ist es hier eben „Sie ist eine weibliche KI, sie ist eine Frau, die auf Frauen steht, natürlich kommen sie am Ende zusammen“. Damit haben für mich die letzten Absätze – die zugegeben sehr poetisch sind und noch mal elegant Bezug auf ein früheres Gespräch und den Titel nehmen – keine emotionale Wirkung.

Was mich ebenfalls ratlos zurücklässt, ist der Plot Twist am Ende. Ohne jetzt komplett spoilern zu wollen: Es wird enthüllt, dass Hannah über die wahre Natur ihres Auftrags angelogen wurde und in Wirklichkeit von Anfang an etwas anderes von der Erde holen sollte. Das ergibt für mich keinen Sinn, denn erstens ist Hannah ein Outlaw und hätte absolut kein Problem mit dem wahren Auftrag gehabt. Zweitens erschließt sich mir nicht, welchen Sinn der wahre Auftrag hatte. Im Gegenteil wird der mitgebrachte Gegenstand in der Zukunft der Roman-Welt vermutlich zu großen Spannungen und Schwierigkeiten führen – aber das scheint erst mal egal zu sein, Hannahs Geschichte ist ja erst mal beendet. Oder so.

Bei all dem Gemecker möchte ich aber auch nicht unerwähnt lassen, was ich gut fand: Die Action-Szenen fand ich super spannend, die haben richtig Spaß gemacht! Auch einige Szenen aus der Roboter-Gemeinschaft fand ich richtig gelungen und berührend – wie sie sich gegenseitig reparieren und aus sich selbst neue Roboter bauen, wie liebevoll sie mit Hannah und miteinander umgehen, wie sie sich in einer großen Masse zusammenfinden, um sich für die gute Sache zu opfern.

Leider machen eine Handvoll eindrucksvoller Szenen und ein paar gelungene Worldbuilding-Konzepte noch keinen guten Roman, deshalb ist mein Eindruck am Ende kurz zusammengefasst: Hm na ja.

Ich bin aber trotzdem froh, das Buch gelesen zu haben, denn so konnte ich bei einer tollen Buchclub-Besprechung dabei sein (http://phantastisches-sammelsurium.de/utopien/). Danke euch für den interessanten Austausch, nach unserem Gespräch konnte ich viel besser in Worte fassen, was mir gefallen hat und was nicht.

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