Kurzmeinung: Kurzgeschichten über die Krisen unserer Zeit, die zwar sprachlich schön geschrieben sind, aber entweder seltsam ziellos oder unangenehm belehrend erscheinen und deshalb nicht hängen bleiben.
Dieses Buch enthält neun Kurzgeschichten, die von den Krisen unserer Zeit erzählen: Klimawandel und Urbanisierung, Obdachlosigkeit und Flucht, Isolation und Entfremdung. Es geht auch um Rape Culture, um Klassismus oder um den viel zitieren Ausspruch „Nie wieder“. Das alles in einer schönen Sprache, die (meist) mit viel Feingefühl von menschlichen Zwischentönen erzählt.
Das klingt in der Theorie richtig gut. Warum habe ich dann trotzdem das Gefühl, dass die meisten Geschichten komplett an mir vorbeigerauscht sind, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen?
Vielleicht, weil es keinen roten Faden gibt, keinen Fokus. Oder anders gesagt: Wenn ein Text versucht, alle Krisen unserer Zeit auf einmal zu thematisieren, bleibt er am Ende seltsam beliebig und nichtssagend. Das kann man natürlich als einen klugen Kommentar auf die Reizüberflutung der Gegenwart lesen, in der wir vor lauter Katastrophen gar nicht mehr wissen, mit welcher wir uns als erstes beschäftigen sollen. Auf mich wirken die meisten Texte dadurch aber eher unausgereift oder wie assoziative Schreibübungen, denen der Biss fehlt. Dazu kommt, dass mir einige Geschichten zu sehr ins Erklärend-Belehrende gehen. Schade, denn einige Ansätze haben mir gut gefallen.
Zu den einzelnen Texten:
Verloren im Moment erzählt von den Menschen an einer Kreuzung, die Nachbar*innen sind und sich doch nicht wirklich umeinander scheren. Das ist ganz nett erzählt, aber eher etwas, das ich mit 15 sehr tiefgründig gefunden hätte.
Für Vor den Tränen habe ich nur drei Worte übrig: uffffff, muss das?
Es geht um einen Mann, dessen Ehefrau in einem Park vergewaltigt wurde und der jetzt vor ihrem Krankenhausbett darüber sinniert, welche furchtbaren Auswirkungen diese Tat auf sie und ihr Leben haben wird. Daraus hätte was werden können, denn die bedrückende Stimmung ist stilistisch wirklich gut eingefangen. Stattdessen geht es aber nicht um die Frau, sondern nur um die Gefühle des Mannes, der noch dazu übelstes Victim Blaming betreibt: Sie hätte es besser wissen müssen, sie hätte nicht die Abkürzung durch den Park nehmen dürfen und das aufreizende lila Abendkleid hätte sie auch nicht anziehen dürfen, das alles sei ja geradezu eine Einladung gewesen. Seine Hauptsorge gilt außerdem nicht der Gesundheit seiner Frau, sondern der Frage, welche Auswirkungen die Tat auf ihn hat, denn seine Frau ist ja jetzt traumatisiert und wird sich deshalb auch in seiner Gegenwart nicht mehr fallen lassen können, und sie wird auch das wunderschöne Kleid nicht mehr tragen wollen. Am meisten scheint es ihn zu ärgern, dass der Täter seine Besitzansprüche verletzt hat, denn er hat sich an seiner Frau vergangen, und das kann ja nicht angehen.
Ich dachte, da kommt noch was, irgendein Twist, der das Ganze in Perspektive rückt, oder die Geschichte zumindest als überzogene Satire auf die männliche Perspektive auf Vergewaltigung zu erkennen gibt. Stattdessen ist das Ganze wirklich nur eine Aneinanderreihung verbreiteter Klischees ohne Mehrwert, wo ich mich am Ende frage: Und was sollte das jetzt? In Gesellschaft der anderen Texte, die ja doch eine eher progressive Einstellung durchschimmern lassen, ist mir diese Geschichte ein absolutes Rätsel.
Zwischenwelten erzählt von einer Studentin, die in ihrer Eile vor einem wichtigen Referat von einem Auto angefahren wird. Halb ohnmächtig liegt sie im Schnee und Fragmente ihres Uni-Lebens schwirren durch ihr Bewusstsein, aus denen hervorgeht, dass sie die spezifischen Erwartungen an Studierende in Hinblick auf Kleidung, Verhalten und Denkweise einfach nicht erfüllen kann, so sehr sie sich auch anstrengt. Das fand ich wirklich einen sehr interessanten Ansatz! Leider schweift die Geschichte danach völlig ab und verliert mich; es geht plötzlich um Reisen nach Schweden, die vage Schuld ihrer Familie im Nationalsozialismus und eine Kindheits-Anekdote, in der sie an Weihnachten mit einem Streichholz das Haus ihrer Familie abfackelt. Das ist mir zu random und zu viel auf einmal. Aus diesen Aspekten hätte man jeweils eine eigene Kurzgeschichte machen können. Und nach der sprachlichen Schönheit dieser Geschichte, die ich nicht leugnen kann, wirkt der letzte Satz leider – um ihn mal direkt zu zitieren – „unpassend komisch“.
In Blackbox geht es um einen Mann, der als Kontaktperson einer erkrankten Bekannten vom Gesundheitsamt unter Quarantäne gestellt wird und dort offenbar langsam den Verstand verliert. Die surreale, bedrückende Stimmung fängt das Gefühl des ersten Corona-Lockdowns gut ein (laut Untertitel ist die Geschichte auch zu diesem Zeitpunkt entstanden), aber darüber hinaus kann ich mit dem Text leider wenig anfangen. Der Protagonist wirkt nämlich eher wie eine Karikatur als wie ein echter Mensch. Schade.
Verbrauchte Zukunft wirkt wie eine knappe Schreibübung. Es geht um eine Touristin in London, die Eindrücke aufsammelt. Hm.
Ein Vers finde ich wiederum richtig gut: Es geht um eine Wattführerin, die sich von der Kommerzialisierung ihrer Hallig anstecken lässt und glaubt, zwei Gruppen von Tourist*innen hintereinander unbeschadet durchs Watt führen zu können. Doch die unbeugsame Natur belehrt sie eines besseren …
Alma erzählt auch von Strukturwandel und Überflutung, das finde ich zum zweiten Mal hintereinander nicht mehr ganz so interessant. Zumal die Beschreibungen der Urbanisierung des ländlichen Gebiets sehr technisch daherkommt und mich zwischen der sonst feinfühligen Prosa eher langweilt. Nur die Perspektive der Protagonistin mochte ich: Eine alte Frau, die von ihrer Tochter aus der Stadt in das sich wandelnde Dorf geholt wird und der das überhaupt nicht gefällt. In den letzten paar Zeilen geht es dann aber plötzlich um ihren Mann, der Waldbrände fotografiert und sich gegen den Klimawandel engagiert hat und eigentlich die ganze Zeit im Zentrum ihrer Gedanken stand. Hm.
Gregor erzählt von einem Mann, dessen Frau bei einem Waldbrand in ihrem gemeinsamen Haus stirbt. Die Geschichte mag ich nicht so, weil sie allzu sehr mit dem metaphorischen erhobenen Zeigefinger fuchtelt. Zwischendrin sind seitenlang Zahlen und Fakten zur Klimakrise und damit einhergehenden Waldbränden eingefügt, und später sinniert Gregor darüber, dass sie die Klimabewegung vielleicht doch ernster hätten nehmen müssen und ihren Lebensstil umweltfreundlicher hätten gestalten sollen. (Was natürlich Nonsens ist: Die Klimakrise hört doch nicht plötzlich auf, weil ein random Gregor zur Besinnung kommt und ab jetzt Veganer ist. Ohne die drastische Reduzierung des CO2-Ausstoßes von Großkonzernen wird das nix.) Und sie hätten sich nicht so abfällig über Geflüchtete äußern sollen, denn nach dem Brand lebt Gregor selbst in einer Notunterkunft, und sein Zimmernachbar, ein Geflüchteter aus Nigeria, ist eigentlich ein ganz netter Kerl. Das alles ist einfach furchtbar plakativ. Na ja, vielleicht gibt es ja Leute, die das mal so deutlich hören müssen.
Was mich eher interessiert hat, sind die leiden Zwischentöne, die ich dann doch ganz interessant fand, vor allem im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse. Beispielsweise erwähnt Gregor in einem Nebensatz, dass er immer mehr gearbeitet hätte als seine Frau; dabei vermisst er nach seinem Tod nicht unbedingt sie als Person, sondern die unbezahlte Arbeit, die sie im Haushalt geleistet hat. Er vermisst es, sich morgens an einen gedeckten Frühstückstisch zu setzen, und er würde gern noch einmal ihren gemeinsamen Lieblingswein trinken, aber er weiß nicht, wie er heißt oder wo er ihn kaufen könnte, denn das Einkaufen hatte immer seine Frau übernommen. Auch denkt er viel darüber nach, warum seine Frau im Haus geblieben ist und wie sie nur so sehr an materiellen Dingen hängen konnte, dass sie es mit ihrem Leben bezahlt hat. Dabei war sie es, die dieses Haus eingerichtet und sich dafür verantwortlich gefühlt hat, und es deshalb auch nicht so leichtfertig verlassen konnte wie ihr Mann.
Am besten im ganzen Buch hat mir noch Der falsche Ton gefallen: Eine Frau sucht wegen eines Tinnitus eine Ärztin auf, aber dahinter steckt so viel mehr. Es geht um den Abgrund des sozialen Abstiegs, der sehr viel näher an uns dran ist, als wir allgemein glauben. Und ich mag es auch, wie die Wahrnehmung der Protagonistin beschrieben wird, wie sie auf dem Ton in ihrem Körper balanciert und sich von ihm baumeln lässt, um unter sich das Land des Elends zu sehen, in das sie abstürzen könnte.
