"Der Inselwald" von Angela Hüffer auf einem Kindle E-Reader. Auf dem Cover ist ein Wald mit hohen Bäumen abgebildet, davor ein Streifen Strand und Meer. Im Meer steht in Großbuchstaben "Der Inselwald. Thriller." Darunter das Logo des Empire Verlag. Oben über den Bäumen ist ein Vogelschwarm zu sehen, darüber in Großbuchstaben: Angela Hüffer.

Kurzmeinung: Solider und ganz spannender Thriller für zwischendurch, der mir aber nicht länger im Gedächtnis bleiben wird.


Nach einer schweren Zeit will die Psychologin Dana sich eigentlich nur einen erholsamen Urlaub auf der fiktiven Nordseeinsel Norsum gönnen. Schnell wird sie jedoch in merkwürdige Ereignisse hineingezogen: Das Gastgeber-Paar ihrer Pension entpuppt sich als Zwei-Personen-Sekte, die die Endzeit predigt – und dann ist da noch der geheimnisvolle Fotograf Elbing, der in das mythenbehaftete alte Haus im Inselwald einzieht. Angeblich will er dort eine exklusive Foto-Ausstellung einrichten, ein exzentrischer Künstler eben. Doch in Wirklichkeit geht es ihm um etwas ganz anderes, was sowohl die Inselbevölkerung als auch Dana bald zu spüren bekommen …

Es hat ein wenig gedauert, bis ich in die Geschichte hineingefunden habe, aber dann fand ich sie ganz spannend und habe neugierig verfolgt, wie sich die Ereignisse auf der Insel entfalten. Ich mochte die unheimlichen Momente, z.B. Danas Besuch von Elbings Ausstellung, ihren Besuch im verlassenen Schwimmbad oder den Ort, an dem verschiedene Figuren immer wieder vorbeigehen: Ein Hügel mit zwei verlassenen Blockhäusern, vor dem Kinderspielzeug verstreut liegt und auf dem es immer viel zu still ist. Was ich außerdem gut fand, sind die bizarren Nebencharaktere: Zum einen das bereits erwähnte Endzeit-Ehepaar Cordy und Clark, zum anderen den alten Insulaner Helmerich Klatt, der eine immer beliebtere Telegram-Gruppe betreibt, in der er seine Theorien über einen Geist auf der Insel verbreitet.

Damit sind wir leider auch schon beim Grundproblem, den ich mit diesem Roman habe: Außer diesen paar schrägen Gestalten finde ich die Figuren leider völlig uninteressant. Dana als Hauptfigur kann ich irgendwie schlecht greifen, was auch daran liegt, dass einiges über sie im Dunkeln gelassen wird. Beispielsweise ist sie überhaupt erst in diesem Urlaub, weil sie sich von einem Stalker erholen will, der ihr lange nachgestellt hat. Hin und wieder denkt sie an den Stalker zurück – aber mehr als Formulierungen wie „Sie dachte an den Stalker zurück“ gibt es da nicht. Man erfährt absolut nichts über diese Geschichte, außer dass sie eben einen Stalker hatte. Und da frage ich mich am Ende wirklich, wozu dieser Subplot (wenn man ihn denn überhaupt so nennen kann) überhaupt im Roman ist.

Mein zweites Problem ist ihr Umgang mit Cordy und Clark. Sie findet die beiden mit ihrem Endzeit-Glauben und ihrer esoterischen Naturverbundenheit ziemlich merkwürdig, aber eben nur so merkwürdig, wie man das eben als Durchschnittsmensch finden würde. Später wird jedoch in einem ganz anderen Zusammenhang enthüllt, dass Dana selbst in einer Sekte aufgewachsen ist, aus der ihr als junge Erwachsene schließlich die Flucht gelang. Ich finde es unglaubwürdig und eine versäumte Gelegenheit, dass sie zu dieser Endzeit-Sekte überhaupt keine spezifischen Gefühle oder Erinnerungen an ihre eigene Sekten-Zeit hat und einfach entspannt weiterhin bei den beiden wohnen bleibt, denn immerhin war die Unterkunft günstig.

Und wo wir schon bei verpassten Gelegenheiten sind: Davon gibt es leider einige in diesem Roman. Es werden so tolle Settings mit viel Potential aufgemacht, dann aber nicht genutzt. Beispielsweise das bereits erwähnte verlassene Schwimmbad: Dana geht da einmal hin, guckt es sich an, gruselt sich ein bisschen, und dann spielt es nie wieder eine Rolle. Oder noch wichtiger:

Spoiler!

Der Friedhof der Namenlosen. Dort sind Menschen begraben, die tot an der Küste angespült worden sind und von denen niemand weiß, wer sie eigentlich sind. Dieser Friedhof taucht in der Geschichte mehrfach auf und es wird angedeutet, dass er eine große Rolle spielt. Elbing interessiert sich sehr dafür, vor allem für das älteste Grab, auf dem das Sterbejahr 1907 vermerkt ist.

Und, was steckt nun dahinter? Gar nichts. Die namenlosen Toten interessieren überhaupt nicht. Am Ende stellt sich heraus, dass es die ganze Zeit um Elbings verstorbene Mutter ging. Und der Friedhof ist nur deshalb wichtig, weil Elbing damals im Urlaub mit ihr dort langgelaufen ist und sie einen traurigen Kommentar dazu abgegeben hat.

Spoiler Ende!

Elbing als Antagonist finde ich an sich gelungen, wobei sein Hass auf die Insel-Menschen manchmal geradezu Comic-Bösewicht-artig überzogen wirkt. Seinen Plan finde ich spannend, vor allem die Art, wie er seine Kunst darin einbezieht. Die Art, wie er das Ganze konkret umsetzt, hat mich dann aber wieder denken lassen: Och nö, geht es vielleicht auch mit ein bisschen weniger Klischee?

Alles in allem vergebe ich das Urteil „ganz okay“. Durch die vielen kurzen Kapitel eignet sich der Roman gut für zwischendurch, ist aber nichts, was mir länger im Gedächtnis bleiben wird.